Zwiegespräche

Liebste,

eben ist mir klar geworden, dass die E-Mail Kommunikation dieser Tage nicht nur ein schlechter Ersatz für persönliche Präsenz ist: Natürlich erlebe ich Dich am liebsten in echt, körperlich und energetisch, vieldimensional. Und dennoch befriedigt das E-Mail schreiben ein Bedürfnis, das wir beide haben. Wir haben es unabhängig von einander formuliert in den letzten Tagen. Wir beide wünschen uns Zwiegespräche. Anders als “normale” Gespräche werden diese nicht komplett interaktiv sein. Wer spricht hat (z.B.) eine Viertelstunde am Stück Zeit zu sprechen. Erst dann spricht der/die andere. Also kein schneller Dialog, eher eine Serie von Monologen, in denen jemand spricht und jemand kontinuierlich seine liebevolle Aufmerksamkeit schenkt.

Heute morgen ist mir klar geworden worin der besondere Wert dieser Art von Kommunikation liegt. Die Erkenntnis kam über eine Parallele zu dem, was mich geschäftlich derzeit bewegt. Da Du in diesen Zeilen nach Belieben vor und zurück springen kannst, beschriebe ich das mal ganz in Ruhe:

Mir ist seit langem klar, dass ich mich während der Arbeit genau dann glücklich fühle, wenn ich mich 50 – 75 % der Zeit aktiv verhalte. Aktiv steht hier im Gegensatz reaktiv. Beispiel: Wenn ich ein Projekt (oder einen Teil von einem Projekt) allein umsetze, gibt es typischerweise Phasen, in denen ich 100% konzentriert, kreativ, schaffend, aktiv, konzeptiv handle. Ich ruhe in mir selbst, fühle mich wohl, lasse das Produkt in mir selbst entstehen und sende es dann hinaus in die Welt.

Im Gegensatz dazu habe ich letztes Jahr ein paar Tage für eine Agentur gearbeitet. Hier konnte ich nicht aus mir selbst heraus kreativ, aktiv, konzeptiv arbeiten: Wichtige Grundlagen-Informationen fehlten zunächst und trafen über Tage verteilt ein. Auch Anforderungen änderten sich jeden Tag. Selbst die Strategie wurde vom Projektleiter mehrmals im Verlaufe weniger Tage geändert. Ich hatte das Gefühl, ständig wachsam sein zu müssen. Ständig bereit, auf meine Umwelt zu reagieren. Dadurch war ich mit meiner Aufmerksamkeit sehr im Außen und wenig bei mir selbst. Dadurch fiel es mir in diesen Tagen schwer, mich selbst mit einem angemessen Maß an Selbstliebe und Aufmerksamkeit zu versorgen. Diese Tage waren wertvoll für mich, dann im Vergleich zu Ihnen habe ich mich an nahezu allen anderen Tagen das Jahres deutlich wohler gefühlt. Der Gegensatz zeigt mir deutlich, was mir im Leben gut tut. Wie ich mir selbst gut tun kann.

Die Zwiegespräche bieten einen Rahmen mit klaren Rollen. Wer spricht, spricht. Wer zuhört, hört zu. Da diese Rollen für eine abgesprochene Dauer festgelegt werden, können wir uns in diese Rollen hinein entspannen und tiefer eintauchen. Wer spricht, kann aktiv und aus sich selbst heraus sprechen, ohne reagieren zu müssen. Wer zuhört, kann aktiv zuhören, ohne reagieren zu müssen. Wir können beide gleichzeitig 100 % aktiv sein, 100 % in uns ruhen und 100 % aus uns selbst heraus handeln. Mit uns selbst und mit einander in Kontakt sein. Und uns auf diese Weise noch tiefer verbinden. Ich freue mich darauf.

Ich sende Dir eine intensive Umarmung und liebevolle Küsse!

Timon

This entry was posted on Saturday, November 3rd, 2012 at 11:33 and is filed under Deutsch. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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